Valles del Oso – Täler des Bären

Will ich einen Bären sehen? Also so richtig leibhaftig, mit seinen vielleicht 150 Kilogramm Kampfgewicht, während ich durch die Gegend wandere? Wenige Meter vor mir tritt er aus dem Gebüsch und blickt mich an. Kein Gitter oder Zaun zwischen ihm und mir, kein Zoowärter, kein Old Shatterhand mit seinem Bärentöter zur Stelle. Ich vermag mir meine Reaktion (Hilflosigkeit, Angst, Panik, Totenstarre, Schreiattacke oder Ähnliches oder alles auf einmal) nicht vorzustellen, sollte Ursus arctos pyrenaicus meinen Weg kreuzen. Will ich also wirklich einen Bären sehen?

Die Frage ist natürlich rein hypothetisch. Die Chance, einem Braunbären in freier Wildbahn zu begegnen, ist wohl gleich Null. Andererseits: nirgendwo in Westeuropa ist es wahrscheinlicher, daß dies doch passiert. Immerhin sollen hier noch über 200 dieser Tiere leben. Und offensichtlich überqueren sie manchmal Straßen…

… und werden beschossen. Schilderwilderei?

Wir sind in der Cordillera Cantábrica, dem Kantabrischen Gebirge, das sich von den Pyrenäen bis nach Galizien zieht und Höhen von mehr als 2500 Metern erreicht. Die „Picos de Europa“ sind der bekannteste Teil mit den höchsten Gipfeln, alle nur wenige Kilometer von der Biskaya entfernt, und von mir als Ziel auserkoren. Doch beim detaillierten Kartenstudium lassen uns die vielen Windungen der Straßen und die Höhenangaben der Pässe, gerade nach der jüngsten Erfahrung im Baskenland, zweifeln, ob wir mit unserem Dreiachser auf diesen Wegen gut aufgehoben sind.

Kaum weniger attraktiv und auf jeden Fall wunderschön: die Naturschutzgebiete „Parque Natural de las Ubiñas – La Mesa“ und „Parque Natural Somiedo“ westlich der „Picos“, in denen wir knapp drei Tage verbringen, die Natur genießen und auf dem Senda del Oso (Bärenpfad), einer stillgelegten Bahntrasse des ehemaligen Bergbaus in dieser Region, wandern. 

Valles del Oso
Schlucht und Tunnel auf dem Senda del Oso
Almhütten, teils strohbedeckt, in den Bergen
Massentierhaltung in Asturien

Die Stunden in den Bergen verfliegen wie im Nu, auch weil wir Rainer kennenlernen dürfen, einen Busreisenden im Sabbatjahr, der zur Zeit seine auf dem Jakobsweg pilgernde Lebensgefährtin aus der Ferne begleitet. Da wir in die gleiche Richtung reisen, werden wir uns hoffentlich wiedersehen.

Schlafplatz: Öffentlicher Park- und Wohnmobil-Stellplatz zwischen San Martin und La Plaza in der Gemeinde Teverga. In Nordspanien scheint es normal zu sein, daß Übernachten, Trinkwassertanken und Abwasserentsorgung nichts kosten. So auch hier. Dazu noch ein nettes Dorf mit freundlichen und hilfsbereiten Bewohnern, kleinen Läden und einigen Bars… ¡Gracias!

Einer unserer schönsten und ruhigsten Übernachtungsplätze

Zum Abschied, auf dem Weg zurück an die Küste, erleben wir, neben erneut grandiosen Ausblicken, was uns von der Fahrt in die „Picos de Europa“ abgehalten hat: eine Passstraße, die bergauf (teilweise im ersten Gang) den Motor und bergab die Bremsen glühen – und stinken – lässt. Zum ersten Mal überkommt mich ein mulmiges Gefühl. Der Tritt ins Bremspedal wird immer weicher, während die haarnadelnden Kurven kein Ende zu nehmen scheinen.

Straße zum Puerto (Pass) de San Lorenzo

Es geht natürlich alles gut. In entspannter Fahrt ans Meer nehmen wir Abschied von Meister Petz, der uns leider (?) nur als durchlöchertes Piktogramm begegnet ist.

Abschied von den Bärgen

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